Thorsten Merten, Spreewaldkrimi

„Ich
 wäre
 kein
 guter 
Polizist“ – Thorsten Merten

In den Spreewaldkrimis wird Ortspolizist­ ­Fichte (Thorsten Merten) von seinem Chef, Kommissar Krüger (Christian Redl), 
meistens mit Ignoranz gestraft. In­ der 10. Folge „Zwischen Tod und Leben“
rettet er den schwer verletzten Krüger aus den Flammen seines brennenden Wohn­wagens. Berliner Leben sprach anlässlich
der Jubiläumsfolge mit Thorsten Merten,
der seit Folge zwei an Redls Seite spielt.

Wie viel von Ortspolizist Fichte steckt in Thorsten Merten und umgekehrt?
„Fichte entspringt zuallererst der Fantasie von Thomas Kirchner, dem genialen Drehbuchautor. Ein paar Eigenschaften verbinden mich aber trotzdem mit ihm. Ortsbulle Fichte ist ein Ossi wie ich, er redet wie ich. Ich muss nicht einmal meinen Dialekt verstecken. Auch sind mir viele Konflikte vertraut. Fichte hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, Verständnis für die kleinen Leute und einen Blick fürs Ökonomische. Darin erkenne ich mich wieder.“

Foto: Ina Hegenberger

Fichte leidet unter der Ignoranz seines Chefs, im 10. Spreewaldkrimi wirkt er selbstbewusster. Hat er sich verändert?
„Krüger und Fichte sind eine Art Notgemeinschaft. Aber Krüger behält seine Erkenntnisse gern für sich und behandelt Fichte oft abschätzig. Aber auch das ist die Kunst des Drehbuchautors. Kirchner kommt vom Theater und kennt sich gut mit Shakespeare und Ibsen aus. Er entwickelt die Figuren ständig weiter, verändert sie, ganz anders als bei den meisten Serien, bei denen die Charaktere und Eigenheiten der Figuren festgelegt sind.“

Sie sind in Thüringen in dem Städtchen Ruhla aufgewachsen und leben in Berlin. Wo ist Ihre Heimat?
„Die Industriekombinate in Ruhla sind längst abgerissen. die Bevölkerung hat sich fast halbiert. Das große Haus meines Opas mit riesigem Grundstück hat beim Verkauf gerade mal 3000€ Euro erzielt, dafür gibts in Prenzlauer Berg nicht mal einen halben Quadratmeter im Erdgeschoss. Nach Ruhla zieht mich nichts mehr. Als ich mit 18 nach Berlin kam, war das sehr aufregend, auch wenn es damals nur die halbe Stadt war. Ich bin gern Berliner, jetzt fast schon Ureinwohner.“

Sie wohnen in Prenzlauer Berg.
„Ja, aber wenn meine Kinder ausziehen, bin ich da weg.“

Was gefällt Ihnen nicht?
„In meinem Wohnviertel sind 90 Prozent der Bevölkerung neu Zugezogene. Fast alle Ostler sind weg. Die stehen nicht in den lukrativen Grundbüchern, können sich keine Citylage mehr leisten und haben auch kein Ferienhaus auf Sylt. Und wenn das Kind in München studieren will, wird es vermutlich auch eng. In Prenzlauer Berg wird Berlin nur noch simuliert, es herrscht eine langweilige Monokultur. Ich höre schon lange nicht mehr die Töne, die ich für meinen Beruf brauche.“

Fichte (Thorsten Merten) bei einer großangelegten Suche im Wald mit Kommissar Krüger (Christian Redl) | Foto: Julia von Vietinghoff

Mögen Sie den Spreewald?
„Und wie! Wenn ich im Spreewald drehe, hole ich gern die Familie für ein paar Tage dazu. Als Mitspieler in unseren Krimis ist die Landschaft einfach großartig. Mal sieht sie aus wie asiatischer Dschunggel, mal wie griechischer Totenfluss, dann wieder wie ein Märchenwald mit Hexenhäuschen oder wie Afghanistan. Soviel Exotik, und das nur 50 km von Berlin. Optisch und für die Kamera ist der Spreewald eine Sensation.“

Was unterscheidet die Spreewaldkrimis von anderen Serien?
„Die verschiedenen Erzählebenen, die Rückblenden, die Imaginationen, diese raffinierte Verschachtelung. Auch kann man als Bulle nicht einfach so Verstärkung anfordern. Entweder gibt es keinen Handyempfang, und wenn doch, kommt trotzdem keiner, weil die Personaldecke zu dünn ist. Auch fällt es aus, mit quietschenden Reifen zum Leichenfund zu rasen. Im Spreewald muss man zu den Toten mit dem Kahn staken.“

In den Geschichten dreht es sich oft um Ost- und Westherkunft, die Figuren Krüger und Fichte verkörpern die Konflikte, die damit zusammenhängen. Sie sind sich aber auch eng verbunden. Wie verstehen Sie sich außerhalb der Dreharbeiten?
„Nach anfänglicher Scheu meinerseits, sind wir uns seit Folge vier mit großer Herzlichkeit verbunden. Ich erhielt gerade eine Einladung von ihm nach Hamburg zu seinem Geburtstag. Nur beim leidigen Ost-West-Thema sind wir nicht immer eins. Im Leben wie im Film.“

Sie haben eine solide Schauspielausbildung absolviert. War das von Anfang an Ihr Wunsch?
„Erst wollte ich Architekt oder Journalist werden. Dann hörte ich, dass es an der Schauspielschule „Ernst Busch“ eine Kabarett-Ausbildung gibt. So bin ich Diplom-Kabarettist geworden, einer von zweien auf der Welt. Heute bin ich gern Schauspieler. Auch wenn ich immer ein paar Jahre hinterhergekleckert bin. Zum Glück läuft es gerade ganz gut.“

Thorsten Merten, Spreewaldkrimi, Schauspieler

Thorsten Merten im Interview mit Berliner Leben | Foto: Manuela Mehnert

Sie haben viele Jahre Theater gespielt und sind erst später zum Fernsehen gekommen. Kann man sagen, mit „Andreas Dresens „Halbe Treppe“ kam ihr Durchbruch?
„Dresen besetzte mich schon als Hauptrolle für seinen ersten Kinofilm „Stilles Land“. Tolles Drehbuch, toller Regisseur, nur ich hab die Rolle nicht gut bedient. Dresen hat es trotzdem nochmal mit mir versucht. Für „Halbe Treppe“ hab ich die Bühnenproben ausgesetzt mit großem Eklat, die ganze Filmgage ging ans Theater.
Dann lief der Film mit großem Erfolg auf der Berlinale. Plötzlich hatte ich eine Agentur und Fernsehenangebote. Über die Zeit hat sich meine Arbeit dann immer mehr vom Theater zum Film und Frensehen verschoben. Seit einem Jahr stehe ich überhaupt nicht mehr auf der Bühne. Meine Kinder können Dresen danken, dass er mich aus der Kantine geholt hat. Das finanzielle Budget in der Familie hat sich dadurch erheblich berbessert.“

Spielen Sie lieber den Verbrecher oder den Polizisten?
„Anfangs hab ich fast nur die Mörder oder Verdächtigen gespielt. „Glauben Sie mir, ich hab sie nicht umgebracht“ war mein Standardsatz. Gemeinhin gilt der Verbrecher als spannender. Aber einen Psychopathen zu spielen ohne geklärten Hintergrund, kann schnell schief gehen. Dafür sind die Gesetzeshüter im Fernsehen heute auch oft sehr brüchige Figuren. Fichte ist ein gutes Beispiel. Allerdings wäre ich im wirklichen Leben kein guter Polizist. Dazu bin ich viel zu unkontrolliert und emotional.“

Fehlt Ihnen die Bühne?
„Nicht mehr. Zu viel Leibeigenschaft am Stadttheater. Man reibt sich Tag und Nacht für wenig Geld an einer Bühne auf. Dann kommt ein neuer Sonnenkönig von Intendant und wirft das ganze Ensemble raus. Feudale Strukturen. Das einzige Theater, in das ich noch gern gegangen bin, war die Volksbühne. Modern, archaisch, spektakulär. Das hat Tim Renner ohne Not geschreddert. Dafür könnte ich ihm dreimal am Tag ein Bier über den Kopf schütten.“

Welche Rollen würden Sie nur ungern spielen?
„Keine Nacktrollen mehr, und keine DDR-Geschichten, bei denen ich das Gefühl habe, Hollywood verfilmt Nordkorea. Ansonsten bin ich schmerzfrei. Vielleicht einen Bullen mit Burnout. Oder etwas mit Selbstjustiz. Da könnte ich meine Rachefantasien ausleben, siehe Thema Volksbühne.“

Was gefällt Ihnen in Berlin, was würden Sie ändern?
„Wegen meiner Arbeitszeiten bin ich ein großer Fan von Spätis. Ansonsten: Frank Castorf zurück zur Volksbühne und das sogenannte Stadtschloss zum Studentenwohnheim umwidmen.“

Danke für das Gespräch.

Ina Hegenberger
Titelfoto: © Hardy Spitz
*

Schlagwörter
Wie hat Ihnen der Beitrag gefallen? Jetzt bewerten!
Keine Kommentare

Kommentar verfassen