Kunst im Brauhaus

Das Café wurde nach einem bayerischen Prinzen benannt, der zwischenzeitlich erster König von Griechenland war und dort das Bierbrauen eingeführt hatte. Schließlich ist hier bis 2005 tatsächlich noch Bier gebraut worden. Die besondere Ausstrahlung des Gebäudekomplexes blieb im Anschluss Kunstinteressierten nicht lange verborgen. Von 2008 bis 2010 veranstaltete hier der Künstler Armin Paul jährlich eine Kunstmesse, die „Berlin Art Tower“. Der Keller unter dem Sudhaus  gehört noch heute dem Bier. Dort braut die Neuköllner Privatbrauerei Am Rollberg ihr Bio-Pils.

Im Jahr 2011 kaufte das deutsch-schweizerische Ehepaar Burkhard Varnholt und Salome Grisard das denkmalgeschützte Gebäude-Ensemble. Er Banker, sie Architektin. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, als sie das Gebäude während einer Sommerreise zum ersten Mal sahen. Der elegante Klinkerbau mit der klaren dreiteiligen Kubatur war zwischen 1926 und 1930 nach Plänen der Architekten Hans Claus und Richard Schepke errichtet worden. Dazu gehören das 20 Meter hohe Kesselhaus, ein Turm, ein dreigeschossiges Maschinenhaus und als architektonisches Highlight eben das Sudhaus. Schnell begannen die neuen Besitzer mit der Sanierung des Gebäudes. Die einstige industrielle Nutzung sollte dabei ablesbar bleiben. Als Eingangsbereich ist die Ostfassade umgebaut worden.

Architektonisch sehr gelungen zeigt sich der moderne Anbau mit Foyer und Außentreppe, für den das Züricher Büro von Salome Grisard verantwortlich zeichnete. Die Schweizer wollen in dem Gebäude nicht ihre private Kunstsammlung zur Schau stellen. Als Kurator für Gegenwartskunst wurde vielmehr der Schweizer Kunstexperte Andreas Fiedler eingesetzt. Kunst könne eine lebendige Rolle in der heutigen Gesellschaft spielen ganz im Sinne von „Zeitgenossenschaft“, so Fiedlers Credo. Er startete 2014 im Kesselhaus der Brauerei mit der aufsehenerregenden Installation „Kitfox Experimental“ des Schweizers Roman Signer. Ein Ultraleichtflugzeug schwebte kopfüber in der riesigen Halle. Derzeit ist in dem Raum mit dem Olympiastadion ein Berliner Ort Gegenstand einer Videoinstallation. Der belgische Künstler David Claerbout hat sein Projekt bezeichnenderweise auf 1000 Jahre angelegt. Mithilfe einer eigens dafür entwickelten Software setzt er das Gebäude einem Alterungsprozess aus. Google liefert die realen Klimadaten dazu. Beim Betrachter stellt sich eine Mischung aus meditativer Bewunderung und zunehmender Beklemmung ein. Die auf Gigantomanie ausgelegte Architektur enthüllt ihr Wesen.

Auf den zwei oberen Ebenen des Maschinenhauses werden unter dem knappen Titel „Inhalt“ Werke des in Berlin lebenden Künstlers Eberhard Havekost präsentiert. Seine Arbeit steht in der Tradition des Fotorealismus der 70er-Jahre. Bekannte Sehgewohnheiten werden allerdings immer wieder infrage gestellt. Vieles scheint verzerrt, verwischt und fremd. Am Ende ist nichts sicher. Der Maler, 1967 in Dresden geboren, studierte von 1991 bis 1996 an der dortigen Hochschule für Bildende Künste, wurde Meisterschüler unter Ralf Kerbach. Seine Werke sind heute in vielen der großen internationalen Museen zu finden. Im Jahr 2010 berief ihn die Kunstakademie Düsseldorf zum Professor für Malerei.

Im Untergeschoss ist unter dem Titel „How Long Is Now?“ eine Gruppenausstellung meist jüngerer internationaler Künstlerinnen und Künstler zu sehen. Mit dabei sind die verstörend eindrücklichen Arbeiten des Amerikaners Michael Rakowitz. Er baute aus Pappmaché historische Objekte nach, die durch Plünderungen dem Nationalmuseum Bagdad verloren gegangen sind. Wie auch immer man die Werke im Einzelnen bewerten mag, Neukölln hat einen neuen eindrucksvollen Kunstort dazugewonnen. Natürlich ist es auch möglich, nur das Café zu besuchen. Das deutsch-griechische Betreiberteam bietet neben Kaffee und Kuchen auch vegetarische Speisen und natürlich das einheimische Rollberg-Bier an. Denn was wäre ein Sudhaus ohne Bier? Im nächsten Jahr soll auch noch ein Biergarten dazukommen.

Text: Karen Schröder
Fotos: © Jens Ziehe/Photographie
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Info

KINDL – Zentrum für  zeitgenössische Kunst
Am Sudhaus 3
12053 Berlin

Öffnungszeiten: Mi–So 12–18 Uhr
Eintrittspreise:
Maschinenhaus: Erwachsene 5 Euro,  Ermäßigt 3 Euro
Kesselhaus: Eintritt frei

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