Lasst die Puppen tanzen! Einzigartige Kreationen aus Berlin.

Das Angebot an blinkenden, zappelnden und quiekenden Spielzeugen aus buntem Plastik ist groß. In den Spielwarenabteilungen der Kaufhäuser türmen sich Produkte aus Fernost. Immer wieder neue Highlights, die Begehren schaffen und die „alten“ Sachen in Ungnade und Vergessenheit geraten lassen. Schon als Kind ist man heutzutage der totalen Überdosis an Input und Konsum ausgesetzt. So manches (Groß)Elternteil wird sich bei der austauschbaren Vielfalt wehmütig an seine eigenen Kindertage zurückerinnern.

Die „gute alte“ Zeit.

Teddybären und Puppen wurden so lange geknuddelt, bis sie völlig abgegriffen waren. Die Stopfnadel sorgte dafür, dass selbst dann, das lieb gewonnene Teil nicht in den Mülleimer wanderte. Einige dieser Relikte aus einer nur halb so schnell erscheinenden Zeit werden noch heute in Kellern und auf Dachböden wie kleine Schätze verwahrt. Vielleicht ist es deshalb immer mehr Menschen ein Bedürfnis, sich dem Wegschmeiß-Wahn zu widersetzen und ihren Kindern und Enkelkindern nicht „irgendwas“, sondern etwas ganz besonderes zu schenken.

Zurück in die Zukunft.

Die gute alte Holzeisenbahn hat längst wieder ihren Weg in die Kinderzimmer gefunden und mit ihr auch manch anderes pädagogisch und ökologisch wertvolles Spielgerät. Und auch bei Puppen und Stofftieren fällt die Wahl immer öfter auf ein liebevolles Unikat mit Seele als auf eine der anatomisch inkorrekten, das Selbstbild verzerrenden Plastik-Diven in Pink.

Puppenmacherin mit Leib und Seele

Eine Berlinerin hat sich mit ganz besonders großer Hingabe diesem Thema verschrieben. Julia Schötz ist die Frau, die mit Herzblut die Berliner Puppenmanufaktur betreibt. Die zweifache Mutter kreiert einfache und doch ganz spezielle Künstlerpuppen und -tiere, die jedes für sich ein echtes Unikat sind. Aus Leinen und guten Stoffen handgefertigt, scheinen die Puppen ihre eigene kleine Geschichte mitzubringen. Welche Geschichte hinter der Macherin und ihrer Manufaktur steckt, haben wir versucht, in einem Interview zu ergründen:

BLO: Frau Schötz, wie kamen Sie auf die Idee Puppen zu machen?

Julia Schötz: „Am Anfang hatte ich nicht mal unbedingt Puppen im Sinn. Und schon gar nicht, ein Geschäft daraus zu machen. Nach meinem geisteswissenschaftlichen Studium [Anm. d. Red.: Pädagogik und Sozialwissenschaften] und ersten beruflichen Erfolgen wollte ich mir einfach den Wunsch nach einer handwerklichen und künstlerischen Arbeit erfüllen. Nicht immer nur Kopfarbeit, sondern etwas mit meinen Händen schaffen. Etwas kreieren, etwas entstehen lassen…

BLO: Und da sind sie auf die Puppen gekommen?

Schötz: [lacht] „So ungefähr. Ich habe mich inspirieren lassen, habe mich umgeschaut, was mich anspricht und bewegt. Dabei bin ich auf die norwegische Designerin Tone ­Finnanger gestoßen. Ihre Tilda-Puppen haben mich beeindruckt. So etwas wollte ich auch. Also, habe mich daran versucht. Ich habe nachgenäht, gestickt und mich an verschiedenen Handarbeitstechniken versucht. Doch das wurde mir, ehrlich gesagt, schnell langweilig. Ich wollt nicht nachmachen, ich wollte etwas eigenes, etwas einzigartiges. Und vor allem: mehr Kreativität. Also, beschloss ich, eigene Puppen zu entwerfen. Die ersten Entwürfe gingen übrigens gründlich daneben!“ [lacht]

BLO: Aber davon haben Sie sich offenbar nicht abschrecken lassen?

Schötz: „Im Gegenteil. Schon von meinen Eltern, die beide Künstler waren, habe ich gelernt, dass Scheitern zum Erfolg gehört – gerade, wenn es um kreative Schaffensprozesse geht. Man muss solange probieren bis es funktioniert. Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Auf diesem Weg bin ich nicht nur zu meinem eigenen Stil, sondern auch zu einer stattlichen Sammlung an Versuchen, Erfahrungen und Puppen gekommen.“

BLO: Wie würden Sie denn Ihren Stil beschreiben?

Schötz: [überlegt] „Ich würde sagen, in erster Linie schlicht. Ja, ich glaube, Schlichtheit beschreibt den Stil meiner Puppen am besten.  Klare Formen,  einfache, natürliche Materialien wie Baumwolle, Leinen und Wolle. Meist in Pastell- und Naturtönen oder ruhigen Erdfarben gehalten. Weniger ist oft mehr.“

BLO: Verzichten Sie deshalb auf Münder und Nasen bei Ihren Puppen und deuten die Augen mit kleinen schwarzen Punkten an?

Schötz: „Genau deshalb. Umso einfacher die Puppe, je weniger vorgegeben, desto größer ist der Interpretationsspielraum ihres Charakters. Fantasie braucht schließlich Freiraum statt Grenzen. Kinder haben unglaublich viel Fantasie. Mir ihr können sie selbst einem Stein oder einem Knopf Leben einhauchen. Was meinen Sie, auf was für Geschichten die Kleinen aus dem Nichts kommen?!“

BLO: Das heißt, Sie geben die Kreativität, die Sie beim Machen entwickeln, an die weiter, die Ihre Puppen später nutzen?

Schötz: „So könnte man es auf den Punkt bringen. Ich finde es eine schöne Vorstellung, die Fantasie anzuregen: Die Puppen erzählen die Geschichte, die man in ihnen erkennt. Ganz individuell. So lässt sich das, was man sieht, und das, was man fühlt, miteinander verbinden.“

BLO: Das klingt, als hätten Sie im Puppenmachen weniger einen Beruf als eine Berufung gefunden?

Schötz: „Eindeutig! Puppenmachen ist etwas ganz Wunderbares für mich – keine Mühe, sondern Muße. Das kommt von innen, aus einem Bedürfnis, mich kreativ zu entfalten. Zum Geld verdienen, gehe ich – wie die meisten anderen auch – einem ganz normalem Job nach, der mir genauso viel Spaß macht, aber dennoch etwas vollkommen anderes ist als die Puppenmanukfatur.“

BLO: Dann wünschen wir Ihnen sowohl mit dem einen als auch mit dem anderen viel Erfolg und noch mehr Freude.

 

 

 

 

Text: Michael Falk
Fotos: © Berliner Puppenmanufaktur

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