Kleid Michael Bieling Modesdesign

Scharfe Kreationen aus Berlin. Die Berliner Promi-Modedesignerin im Interview.

Bella und Bello lieben ihr Frauchen abgöttisch. Aber man muss wahrlich kein Chihuahua sein, um die strahlende Blondine mit ganz viel Berliner Charme auf Anhieb sympathisch zu finden. Michaela Bieling entspricht auf dem ersten Blick nicht dem typischen Klischee einer Modedesignerin. Zum Glück. Sie scheint bodenständig, zupackend und erfrischend lebensbejahend. Und herrlich unkonventionell.

Die Kreationen der Berliner Designerin überraschen mit Unkonventionalität und verspielter Leichtigkeit. Sie laufen keinem Trend hinterher, sie sind aus der Lust am Experimentieren geboren. So hat Michaela Bieling zum Beispiel unlängst mit Brautkleidern aus Luftballons für Aufsehen gesorgt. Ihre Fashion-Shows sind keine bloßen Catwalk-Defilees, sondern durchchoreographierte Inszenierungen, bei denen auch schon einmal ein ganzes Ballet oder stimmgewaltige Gesangseinlagen zum Programm gehören.

Vielleicht lassen sich genau deshalb neben den „normalen“ Gästen auch immer wieder Stars und Sternchen im Publikum entdecken. Auch eingekleidet werden die Damen und Herren V.I.P.s gerne mit Michaela Bielings ausgefallenen Stücken, die sie unter dem Label MY CHILI präsentiert. Und angesichts der gewagten (Aus)Schnitte einiger Stücke ist dieser scharfe Name mehr als passend. Wir haben uns mit der Modeschöpferin zum Gespräch getroffen:

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© Georg Krause

BLO: Frau Bieling, wie sind Sie zur Mode gekommen?

Bieling: [lacht] „Nachdem ich eigentlich Superstar oder Prinzessin werden wollte, habe ich eine Schneiderlehre gemacht. Irgendwann beschloss ich, Modedesign zu studieren. Dafür bin ich von Berlin nach Baden-Württemberg gezogen. Lange gehalten hat es mich dort allerdings nicht, denn mit dem Abschluss in der Tasche, zog es mich umgehend zurück ins „dicke B oben an der Spree“. Ich genoss den inspirierenden Trubel der Großstadt, eine intensive Bohème-Phase und meine großen Träume, die ich noch immer habe.“

BLO: Was sind das für Träume, wenn wir fragen dürfen?

Bieling: „Dürfen Sie natürlich. In erster Linie träume ich, wie sicher die meisten, davon, einmal eine Welt erleben zu dürfen, in der es Frieden für alle gibt. Und beruflich träume ich von vielen spannenden und erfolgreichen Projekten. Eine Revue des Friedrichstadt-Palastes auszustatten, wäre das aller aller Grösste für mich. Nach der Weltpremiere von „The One“ hat die Presse geschrieben, dass meine Ballonkreationen vom roten Teppich sogar den Kostümen von Jean Paul Gaultier Konkurrenz machten. Das hat mich sehr gefreut. Und Helene Fischer würde ich auch gerne einmal für ihre Show einkleiden. Sie imponiert mir sehr – und das, obwohl ich kein Schlagerfan bin.“

BLO: Kein Schlagerfan. Wie würden Sie sich abgesehen davon selbst beschreiben?

Bieling: „Uh, krasse Frage. Also ich bin neugierig, aufgeschlossen, abenteuerlustig und ein rundum fröhlicher Mensch. Das habe ich von meiner Mutti mit in die Wiege gelegt bekommen. Sie ist ein richtiger Sonnenschein. Ich liebe tiefgründige Gespräche bis weit in die Nacht und kann stundenlang über Gott und die Welt philosophieren. Außerdem bin ich eine unverbesserliche Chaotin. Typisch Künstlerin eben.“ [lacht] „Es kann schon mal vorkommen, dass ich alles auf den letzten Drücker mache und noch die eine oder andere Nadel im Kostüm steckt, wenn die Models auf den Laufsteg müssen. Aber hey, bis jetzt haben es alle überlebt und im Publikum keiner etwas gesehen.“ [lacht]

BLO: Was die Zuschauer bei Ihren Shows zu sehen bekommen, ist in der Regel ziemlich ausgefallen. Wieso so?

Bieling: „Ganz einfach: Weil ich es liebe. Diese Symbiose aus Mode, Kunst, Gesang und Tanz – that’s me. Für mich ist das alles eins. Und meine Kollektionen leben und profitieren von diesem Zusammenspiel.“ [schwärmt] „Für meine erste große Show „Das Phantom der Oper“ mit Abendgarderobe aus edler Spitze und Chiffon habe ich Liedpassagen aus dem gleichnamigen Musical zu einem achtminütigen Modefeuerwerk zusammengestellt – inklusive echtem Feuerwerk und Schattenwand. Der berühmte Kronleuchter im Entrée war ein Kleid mit Hula-Hoop-Reifen, Stoff und vielen LED-Lampen und Detlef D! Soost höchstpersönlich hat das Phantom getanzt. Das war ein Spektakel, an das ich mich bis heute gerne zurück erinnere.“

BLO: Gibt es auch Dinge, an die Sie sich weniger gerne erinnern?

Bieling: „Ich merke mir lieber die positiven Dinge.“ [überlegt] „Bei einem Praktikum in der Branche musste ich begreifen, dass Kreativität nicht bei allen Modemachern im Vordergrund steht. Es ging immer nur darum, günstig zu produzieren. Hauptsache Profit, Profit, Profit. Das war für mich der Kreativitätskiller überhaupt. Mir war schon immer die Freiheit, die Fantasie das Wichtigste. Mode ist viel zu schön, als dass man sie nur mit dem Rotstift betreibt. Es gibt so viele tolle Stoffe und Materialien, die entdeckt und kreativ erforscht werden wollen. Ich wollte aus dem Vollen schöpfen, grenzenlos ausprobieren und nicht von so einer Maschinerie absorbiert, ausgesogen und ausgespuckt werden.“

BLO: Und deshalb haben Sie sich entschieden, Ihr eigenes Label zu gründen?

Bieling: „Noch nicht gleich. Aber ich habe gemerkt, dass ich das tun muss, was ich am besten kann: Mein eigenes Ding machen. Ich eröffnete zwei Modeboutiquen, die ich zehn Jahre betrieb, bis ich spürte, dass die Zeit für etwas Größeres und Mutigeres gekommen war. Also machte ich die Läden dicht und gründete MY CHILI. Das war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein sehr großer für mich.“ [lacht] „Aber es war der richtige, denn mit meinem Label habe ich die künstlerische Freiheit, von der ich schon immer geträumt habe.“

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© Rene Lautensack

BLO: Und wofür steht „MY CHILI“?

Bieling: „MY CHILI ist Feuer, Leidenschaft, eine Metapher auf Lebensfreude, Liebe und natürlich Schärfe.“ [lacht] „Meine Mode soll eine natürliche Sexyness verkörpern, eine Schönheit, in der aber auch eine feurige Energie steckt. Die rote Chilischote steht als Symbol dafür. Sie entfacht das Feuer in Dir. Ein Gefühl, das ich auch beim Tragen meiner Mode wecken möchte.“

BLO: Feuer und Leidenschaft sind gute Stichpunkte. Was schätzen Sie an ihrem Beruf bzw. Ihrer Berufung am meisten?

Bieling: „Dass ich meiner Kreativität jeden Tag freien Lauf lassen kann, dass ich mich künstlerisch ausdrücken und etwas erschaffen kann – das erfüllt mich rundum. Wenn ich vor Ideen sprudele, diese aufregende Phase zwischen Idee und Umsetzung – das ist wie Magie. Etwas aus dem Nichts zu erschaffen, aus einem Geistesblitz, einer Eingebung – das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Wenn ich schließlich meine stoffgewordene Idee an einem Model oder einer Kundin sehe, ist das ein Moment, der für mich unbezahlbar ist. Das ist pures Glück. Ein bisschen wie der Moment, wenn man sein eigenes Baby zum ersten Mal sieht.“

BLO: Haben Sie auch Lieblinge unter Ihren „Babys“?

Bieling: „Am liebsten kreiere ich Outfits für den roten Teppich. Promis sind mittlerweile meine Spezialität. Sie wollen nicht nur gut aussehen, sondern auch möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Konkurrenz ist auch bei Promis groß. Ihnen mit meinen Kleidern bei einem fulminanten Auftritt Red Carpet zu helfen, ist für mich als Designerin eine große, spannende Herausforderung und ein ein echtes Glücksgefühl. Mein absoluter Lieblingspromi ist übrigens Micaela Schäfer. Sie ist nicht nur ein liebevoller Mensch, sondern sie gibt mir auch hundertprozentigen Freiraum, weil sie mir und meiner Arbeit voll und ganz vertraut. Erst kürzlich beispielsweise bei der Weltpremiere von „The One“ hat sie das Kleid erst gesehen, als sie es vor dem Friedrichstadtpalast im Auto bei strömenden Regen zum ersten Mal angezogen hat. Sie hat sich im Blitzlichtgewitter wohl gefühlt und sah – wie immer – toll aus. Nicht nur, aber auch wegen meines Kleides.“ [lacht]

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Yvonne Woelke und Michaela Bieling

BLO: Sie sind auch selbst oft auch den roten Teppichen der Hauptstadt zu sehen, was verbindet Sie mit Berlin?

Bieling: „Ich bin in Ostberlin geboren und aufgewachsen. Ich liebe Berlin sehr. Es ist meine Heimatstadt, in der es mir immer gut ging. Vor und nach der Wende. Es war dennoch ein riesiges Geschenk für mich, als damals die Mauer fiel. Nicht nur, weil meine Familie durch den Mauerbau getrennt wurde. Mit der Mauer habe ich immer eine große Sehnsucht verbunden… alles Unerreichbare befand sich hinter ihr. Als die Grenzen geöffnet wurden, war es ein überwältigendes Gefühl. Ich dachte damals ‚Jetzt ist alles möglich‘. Und das denke ich heute übrigens immer noch!“

BLO: Auch oder gerade, weil Berlin keine echte Modemetropole ist?

Bieling: „Ja natürlich. Ich halte Berlin übrigens absolut für eine Modemetropole. Auch wenn die Stadt in diesem Zusammenhang auch gerne belächelt wird. Berlin ist einfach bunt, anders, aber keineswegs schlechter. Im Bereich der nachhaltigen Mode ist Berlin sogar führend. Berlin hat genauso wie in anderen Bereichen auch in der Mode eine Menge Potenzial. Ich glaube, die Stadt wird sich im Bereich Fashion noch weiter positionieren und etablieren.“

BLO: Dafür und auch dafür, dass Sie Ihren Teil dazu beitragen, drücken wir die Daumen. Vielen Dank für das sehr angenehme Gespräch.

Text: Michael Falk
Fotos: © Jörg Otto (Titel), © Georg Krause, © Rene Lautensack

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